Leipzig, den 18.05.2026
Die schrittweise Umstellung auf Amazons neues Auszahlungssystem DD+7 trifft tausende Online-Händler unvorbereitet: Gelder werden ohne klare Ankündigung eingefroren, Auszahlungen storniert, Liquidität entzogen – für viele Seller ist die Lage existenzbedrohend.
Amazon gibt mit seinem neuen Auszahlungsmodell DD+7 Gelder erst sieben Tage nach dem Lieferdatum frei. Die Umstellung der Verkaufspartner zieht sich bereits seit Jahren und sollte ursprünglich bis Mitte März 2026 abgeschlossen sein. Allerdings lief der Rollout offenbar chaotisch und unvollständig: Viele Seller wurden nach eigenen Angaben ohne Vorankündigung umgestellt und fanden sich plötzlich mit einem Kontostand von Null konfrontiert. Verfügbare Mittel wurden auf „zurückgestellte Transaktionen" gesetzt, Auszahlungsanfragen abgelehnt oder nachträglich storniert – ohne nachvollziehbare Begründung. Mehrere Stimmen aus der Händlerschaft zeigen, dass zahlreiche Seller seit Wochen auf dringend benötigte Gelder warten.
Fehlende Transparenz, internes Chaos, Liquiditätsentzug
Besonders schwer wiegt die mangelnde Kommunikation von Amazon. Händler berichten, dass selbst der Amazon-Verkäuferservice keine verlässlichen Informationen liefern kann, weil interne Abteilungen offenbar nicht koordiniert vorgehen. In einem Fall wurde einem Händler mitgeteilt, er müsse bis zum 18. Mai auf eine Auszahlung warten – tags darauf war der Button plötzlich wieder aktiv, wenig später die Auszahlung erneut storniert. Die Schuld wurde dem Händler selbst gegeben.
Ein anderer Händler erklärt: „Das Problem ist aus unserer Sicht jedoch nicht nur die Verzögerung selbst. Nach unserer Beobachtung werden faktisch 100 % der betroffenen Verkaufserlöse zurückgehalten, unabhängig vom tatsächlichen individuellen Risiko, der Retourenquote oder der bisherigen Händlerhistorie.” Auch bei ihm wurde eine bereits angestoßene Auszahlung am nächsten Tag wieder storniert. „Durch das aktuelle Hin und Her zwischen zurückgestellten Transaktionen, freigegebenen Transaktionen, Rücklagen auf Kontoebene und stornierten Auszahlungen ist für uns nicht mehr zu 100 % nachvollziehbar, welcher Betrag welcher Bestellung zugeordnet ist, wann ein Betrag tatsächlich freigegeben wird und wann er am Ende wirklich ausgezahlt werden kann”, so der Händler weiter.
Amazon hat zwar selbst Handlungsempfehlungen zur Vorbereitung auf DD+7 herausgegeben: lückenlose Tracking-Dokumentation, Prüfung von FBA für geeignete Sortimente, Anpassung von Zahlungszielen bei Lieferanten sowie aktives Monitoring der Lieferperformance. Diese Maßnahmen können jedoch nur dann greifen, wenn Händler die Umstellung rechtzeitig mitgeteilt bekommen und sich vorbereiten können. Gerade das war offenbar in vielen Fällen nicht der Fall.
Für Unternehmen, die auf tägliche Liquidität angewiesen sind, ist das aus unserer Sicht nicht hinnehmbar. Der Händlerbund empfiehlt allen betroffenen Sellern, diese Punkte jetzt umgehend zu prüfen und Auszahlungen aktiv über die manuelle Auszahlungsfunktion anzufordern, sofern verfügbar.
„Eine ernste Gefahr für die wirtschaftliche Existenz“
„Was Amazon-Händler gerade erleben, ist inakzeptabel. Gelder werden eingefroren, ohne dass Verkäufer wissen, wann sie ihr eigenes Geld zurückbekommen. Das ist kein technisches Problem mehr – das ist eine ernste Gefahr für die wirtschaftliche Existenz tausender Unternehmen. Amazon trägt als Marktplatzbetreiber Verantwortung für seine Seller und muss jetzt handeln: mit transparenten Auszahlungsregeln, verlässlicher Kommunikation und sofortiger Unterstützung für alle betroffenen Händler", betont Tim Arlt, CEO des Händlerbundes.
Der Händlerbund fordert Amazon auf, die Auszahlungsproblematik mit höchster Priorität zu behandeln, betroffene Seller aktiv und individuell zu kontaktieren und eine klare Zeitlinie für die vollständige Lösung des Problems zu kommunizieren. Amazon-Händler, die von den Auszahlungsproblemen betroffen sind, können sich über den Händlerbund rechtlich beraten lassen.
